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Sozialisierung im Wasser

Juni 17, 2021

GELÄCHTER, VERTRAUEN UND FREUNDSCHAFT IM WASSER

Kate und Charlotte sind Soziologinnen und arbeiten an der Universität Cardiff. Ihre Forschung beschäftigt sich mit den multisensorischen Welten des Freiwasserschwimmens und damit, wie Schwimmer*innen Wohlbefinden, Freude und Risiko im Wasser erleben. Darüber hinaus befassen sie sich mit den sozialen Bindungen, die bei diesen Gelegenheiten entstehen und durch sie erhalten werden. Hier teilen sie einen kleinen Ausschnitt ihres Projekts mit uns.

Kate Moles und Charlotte Bates – Soziologinnen an der Universität Cardiff, Vereinigtes Königreich

Eine Gruppe von Frauen trifft sich zwei- bis dreimal in der Woche, um dem Meer in Norfolk zu trotzen – dabei müssen sie zusehen wie sie das mit ihrem Alltag und dem Wetter vereinbaren. Vor drei Jahren haben sie sich als Schwimmgruppe zusammengefunden und sind seitdem fast jede Woche gemeinsam geschwommen. Manchmal kommt ihnen das Wetter in die Quere – die Lockdown-Regelungen machten es auch schwer – aber der Ruf des Meeres und die Begeisterung für das Schwimmen, lässt sie immer wieder zueinander finden. Jede von ihnen kommt mit ihrem eigenen Auto – die Wetsuits schon fertig angezogen – nur die Hauben und Neoprensocken müssen sie noch überziehen, bevor es schnurstracks ins Meer geht. Aber oft trödelt eine von ihnen etwas, muss noch die Schwimmbrille einstellen oder überprüfen, ob alles für den kalten Weg zurück an Land bereitliegt. Ihre gemeinsame Zeit im Wasser und ihre Freundschaft schweißen sie zusammen und stärken jede Facette ihres Lebens. Die Frauen, im Alter von 68 bis 79 Jahren, schwimmen das ganze Jahr über draußen. 


Photographies prises par Wendy sur un appareil photo étanche jetable dans le cadre du projet.

Anthea und Norma kommen zum „richtigen“ Schwimmen; „rauf und runter“, voll eingetaucht. Liz und Wendy „hüpfen auf und ab“, zögern, den Kopf ins Wasser zu stecken und die ganze Kälte zu zu ertragen. Neoprenanzüge, Kapuzen, Handschuhe und Socken haben ihre Beziehung zur Kälte verändert. Sie ist nicht länger ein Hindernis, sondern jetzt Teil der Gesamterfahrung. Ihre Ausrüstung  – „wir tragen alles“ – erlaubt es ihnen, länger im Wasser zu bleiben und zu schwimmen, dabei das Gleiten, den Zug, das Wasserfassen voll zu spüren. Das eröffnet Möglichkeiten, schafft neue Wege des Zusammenseins im Wasser und verlängert die Zeit, die sich abseits des Festlands verbringen lässt.

„Ich gleite durch das Wasser und fühle mich dabei stark und effizient. Meine Hände stoßen kraftvoll durchs Wasser, kommen zusammen, teilen es, um es dann hinabzudrücken. Ich atme ein, kicke mit meinen Beinen nach hinten, presse das Wasser dabei zusammen, um mich voranzubewegen. Ein kurzes Gleiten und ich beginne den Zug von Neuem.“ .’


Photographies prises par Wendy sur un appareil photo étanche jetable dans le cadre du projet.

KRAFTVOLL, LEBENDIG UND VERBUNDEN

These Die Frauen sprechen darüber, wie das Schwimmen ihnen neue Kraft gibt – „wenn du rauskommst, fühlst du dich, als könntest du die Welt retten“ – und zu einem festen Bestandteil ihres Alltags geworden ist. Das Ritual, als Vorbereitung ihre Taschen zu packen, sich zu treffen, zu schwimmen, und dann wieder heimzufahren, um sich anderen Dingen zu widmen, gibt ihren Tagesrhythmus vor. Ohne das Schwimmen verlieren die Tage diesen Rhythmus, sie erzählen davon, wie rastlos es sie macht und wie sie sich dann nach dem Meer sehnen. Sie unterhalten sich über den Moment, in dem ihre Füße den Sandboden verlassen, ins Salzwasser eintauchen und nicht mehr denselben Bewegungsregeln gehorchen müssen, über Genuss und Risiko. Damit ist auch Verantwortung verbunden – sie passen aufeinander auf und haben sich auf eine Art kennengelernt, die ihnen davor unbekannt war. Das Wasser offenbart neue Schwächen. Man muss denen vertrauen können, die einen begleiten. Die Frauen geben aufeinander acht, sie sind füreinander da und schenken sich gemeinsame Momente des Lachens und glückliche Abenteuer. Sie haben gelernt mit einem überschaubaren Maß an Risiko klarzukommen. Die eigenen Momente der Freude und des Schmerzes haben sie schätzen gelernt und wissen wie sie mit ihnen umzugehen haben – auch mit denen der anderen. Manchmal teilt sich die Gruppe das Wasser mit Robben. Sie genießen die Begegnungen, obwohl sie dann immer hoffen, dass es sich um neugierige Jungtiere handelt und nicht um ausgewachsene Bullen. „Wir sehen für sie ja selbst wie vier Robben aus.“ Sie genießen das Wasser, die Begegnungen mit Tieren und den anderen Menschen am Strand. Das Schwimmen gibt ihnen das Gefühl, stark, lebendig und miteinander verbunden zu sein. Sie spüren den geistigen und körperlichen Nutzen genauso wie die soziale Verbundenheit. Beides ist den Frauen wichtig. Das eine lässt sich nicht von dem anderen trennen.  

Schwimmgruppen wie diese basieren auf Vertrauen und geteilten Werten. Die Mitglieder wissen, was das gemeinsame Schwimmen für sie bedeutet und was es bewirkt. Durch das Schwimmen entstehen neue Formen des Zusammenseins – im kühlen Nass wird man miteinander warm, im Flow verfestigen sich die freundschaftlichen Bande. Ihr Schwimmen übersteht kaltes Wasser, Herausforderungen und Brüche. Sie geben alles dafür, um immer wieder ins Meer zurückzukehren und zusammen in den Wellen zu sein. Dabei passen sie aufeinander auf und genießen die gemeinsame Zeit. 


Photographies prises par Wendy sur un appareil photo étanche jetable dans le cadre du projet.

DAS SALZWASSER ÜBERDAUERT

Zusammen steigen sie aus dem Wasser und gehen zurück zum Parkplatz oberhalb der Klippen. Dort schälen sie sich aus ihren Neoprenanzügen, legen ihre Ausrüstung ab und schlüpfen wieder in trockene Klamotten. Manchmal bringen sie sich einen Stuhl mit, um leichter aus dem Wetsuit zu kommen und Matten zum Draufstehen, um keine kalten Füße zu bekommen. Sie könnten gar nicht alleine schwimmen gehen, erklären sie lachend, da sie sich gegenseitig aus den Anzügen helfen müssen. Da das Wetter langsam besser wird und sich mit der Zeit immer mehr Frauen zusammenfinden, bringen sie inzwischen Liegestühle, heiße Getränke und selbstgemachte Energy-Kugeln für danach mit. Dann gehen sie getrennte Wege, kehren zurück in verschiedene Leben und zu unterschiedlichen Aktivitäten. Aber das Salzwasser bleibt und bringt sie immer wieder zusammen. Sie fahren nach Hause, trocknen ihre Ausrüstung auf diversen Aufbauten, die sie jeweils ausgetüftelt haben, und beginnen schon mit der Planung des nächsten gemeinsamen Ausflugs ins Wasser.


Photographies prises par Wendy sur un appareil photo étanche jetable dans le cadre du projet.

Schwimmbegegnungen wie diese finden in leicht abgewandelter Form und auf vielfältige Weise überall auf der Welt statt. In unserer Studie über das Freiwasserschwimmen im Vereinigten Königreich, erleben wir, wie sich Freundschaften durch das gemeinsame Schwimmen entwickeln und verfestigen. Wir sind auf Schwimmgruppen, wie die Norfolk Dippers, getroffen, die dieses Jahr erstmals den Winter durchgeschwommen sind. Der Lockdown gab, angesichts geschlossener beheizter Indoor-Pools, den Ausschlag sich auf etwas Neues einzulassen. Wir haben Schwimmer*innen auf Touren begleitet, die sie schon oft gemacht haben – vertrauten, alltäglichen, rituellen – und auf neuen – aufregenden, beängstigenden, desorientierenden. Wir haben mit unseren Teilnehmer*innen Momente der Freude, der Angst, des Unbehagens und des Vergnügens erlebt, zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Gewässern. Aber die Dauerhaftigkeit der Bindungen, die im und durch das Wasser geschmiedet werden, ziehen sich wie ein roter Faden durch all diese Begegnungen. Das Schwimmen in kaltem Wasser – und kalt ist das britische Wasser ja eigentlich immer – erfordert eine besondere Art von Zusammenhalt. Er lädt Menschen dazu ein, zugleich verletzlich und mutig zu sein, sich den Elementen zu öffnen und sich dabei dem Schutz ihrer Freundschaften sicher zu sein.  

 

ÜBER KATE MOLES UND CHARLOTTE BATES

Kate Moles und Charlotte Bates sind Soziologinnen und arbeiten an der Universität Cardiff im Vereinigten Königreich. Kate schwimmt gerne im Meer und Charlotte badet am liebsten in Flüssen und Seen.