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Beim Schwimmen mit der Natur und sich selbst in Kontakt kommen

September 10, 2021

WILDES YOGA UND DAS MEER. DURCH ENTSPANNUNG IN KONTAKT MIT DER NATUR, SICH SELBST UND ANDEREN KOMMEN

SARAH FYSON -Yogalehrer, Rettungsschwimmer am Strand und Mitglied von Open Minds Active

Im Rahmen einer Initiative von Open Minds Active darf ich für junge Erwachsene mit Lernschwierigkeiten Yoga unterrichten, bei dem sie in der freien Natur Selbstvertrauen und soziale Bindungen aufbauen. Da ich auch eine begeisterte Schwimmerin bin, konnte ich sie bei ihren Freiwasserschwimmkursen unterstützen, indem ich Yoga-Haltungen und Atemübungen unterrichtete, bevor es ins Wasser ging. Es macht mir Freude, zu sehen, wie Menschen zu sich selbst finden, wie sie selbstbewusster werden, sich durch Bewegung auszudrücken, ohne Angst zu haben, beurteilt zu werden oder sich albern zu fühlen. Das gilt auch für mich selbst. In der Rolle der Vermittlerin bin ich nicht außen vor. Tatsächlich lerne ich in diesen Sessions durch die Arbeit mit den wunderbaren Teilnehmer*innen und durch ihre wertvollen Beiträge genauso viel über mich selbst. Die positiven Gefühle, die dabei freiwerden, zaubern ein Lächeln auf die Gesichter aller Beteiligten und oft auch auf die von Fremden, die zufällig vorbeilaufen. Diese gemeinsamen Erlebnisse erzeugen dringend notwendige Bindungen, gerade in einer Zeit in der diese Mangelware sind. Es war ein Glücksfall, dass die meisten Yoga-Sessions draußen in der Natur stattfinden konnten: am Meer, an einem See oder in einem wunderschönen, weitläufigen Waldpark.

Ich schwimme wahnsinnig gerne und im Wasser zu sein zieht sich wie ein roter Faden durch alles was ich bisher gemacht habe. In meiner Kindheit verbrachten meine Schwestern und ich oft Stunden im Meer bei Polzeath und klammerten uns an unseren Styropor-Bodyboards fest. Wir zogen unsere Badesachen erst wieder aus, wenn wir von unten bis oben ganz wundgescheuert waren. Wenn wir über die Landzunge fuhren, wollten jede die Erste sein, die rief: „Ich kann das Meer sehen.“ Die Aufregung in Verbindung mit diesem ersten Blick, die Weite und Freiheit, die er hervorruft, dieser Blick aus dem Fenster und die Erwartung, den Wind, den Sand und das salzige Wasser zu spüren. Die Wildheit, die mich beflügelte und die ich förmlich greifen konnte. Es vermittelte mir ein Gefühl des Friedens tiefer Ruhe. In diesen Momenten wollte ich nirgendwo anders sein. Später habe ich oft nach innen geschaut und danach gestrebt, zu diesem beruhigenden, unbefangenen Gefühl zurückzukehren, das mich als junges Mädchen erfasst hat. Dieses Gefühl, so in Ordnung zu sein, wie ich bin, beflügelte meine Leidenschaft, andere auf ihrer Reise zu sich selbst zu unterstützen.

Um ehrlich zu sein, kämpfte ich während meines gesamten Studiums der darstellenden Künste und später an der Schauspielschule immer wieder damit, zu genügen und ich selbst zu sein. Es gab gute Tage an denen es mir gelang, aber auch Tage, an denen ich, von Ängsten geplagt, das Gefühl hatte, einfach nicht ausreichend zu sein – eine Hochstaplerin. Ich war wankelmütig und frustriert, aber arbeitete hart und kam voran, trotzdem fühlte es sich oft an, als würde ich durch zähen Sirup waten. Es waren die Momente, in denen ich in meine Mitte und innere Ruhe fand, in denen sich die Zeit zu verlangsamen schien, in denen mir alles leicht fiel. Dann musste mich nicht anstrengen; ich zu sein war genug, und ich war großartig.

Als Yogalehrerin versuche ich, Menschen durch Bewegung und Atemarbeit zu helfen, dieses Gefühl von Ausgeglichenheit und innerer Ruhe zu finden, das es ihnen erlaubt, den eigenen Ausdruck und Selbstwert zu entdecken – frei von Hemmungen oder Beurteilungen – und dadurch ihr Selbstvertrauen zu fördern.

Die Atmung und die Funktionsweise des Nervensystems zu verstehen, ist irrsinnig wichtig, um zu wissen was in unserem Körper vor sich geht, bei Schock, Angst oder wenn die Nerven mit uns durchgehen. Das parasympathische System reguliert das Gleichgewicht der physiologischen Körperfunktionen und den Körper im Ruhezustand. Es ist für die Ruhe- und Verdauungsprozesse des Körpers zuständig, während der Sympathikus die Reaktion des Körpers auf eine wahrgenommene Bedrohung steuert und für die „Fight or Flight“-Reaktion verantwortlich ist. Beide sind absolut notwendig und nützlich. Wenn wir in der Lage sind, unser Nervensystem besser zu erfassen, und sei eis es auch nur zu einem kleinen Teil, haben unser „Geist“ und unser Körper eine größere Chance, Stress oder Ängste durch Atemtechniken zu kontrollieren und im Alltag in Balance zu bleiben.

Den Teilnehmern von Open Minds Active zeige ich einfache Atemübungen, die den Atem verlangsamen, die Ausatmung verlängern und den Parasympathikus ansprechen. Das ist nützlich, wenn man ins kalte Wasser steigt, sich unsicher fühlt oder mit Angstzuständen zu kämpfen hat. Diese Übungen können in eine Reihe von Bewegungsabläufen eingeflochten werden oder in Stille ausgeführt werden, und sie können Spaß machen. Alles, was uns in Kontakt mit unserer Atmung bringt, ist sinnvoll. Ich muss mich selbst immer wieder daran erinnern, mir einen Moment Zeit zu nehmen, um tief durchzuatmen, wenn ich mich in einer hektischen Woche abhetze.

Mit den jungen Erwachsenen, mit besonderem pädagogischen Förderbedarf, arbeiten wir an Tools, die ihnen helfen sollen, sie auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Neue Erfahrungen zu machen und das Vertrauen zu entwickeln, an Aktivitäten im Freien teilzunehmen, ist ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit. Wir gehen mit ihnen in der Natur spazieren, ermutigen sie zu Outdoor-Yoga und zum Freiwasserschwimen. Schon nach ein paar Wochen konnten wir beobachten, wie ihr Selbstvertrauen zunahm. Es hat uns sehr gefreut, ihre wachsende Begeisterung zu beobachten, als sie aus dem Kleinbus stürzten und zum See hinunter sprinteten. Mit jeder Woche nahm ihr Enthusiasmus und Selbstvertrauen zu, und es war ein so erfreulicher, herzerwärmender Anblick, der uns und Passant*innen zum Lächeln und Lachen brachte.

Draußen zu arbeiten ist fantastisch. Vielen Menschen hilft es sehr dabei, sich abzulenken und den Geist zu beruhigen. Bei mir ist es auf jeden Fall so. Die Abwesenheit von technischen Dingen, die Verbindung mit der natürlichen Umgebung und die fehlende Ablenkung durch meinen eigenen Haushalt und meine To-Do-Liste helfen mir, die Ruhe wiederzufinden, die ich schon als kleines Mädchen empfand, als ich zum ersten Mal die Weite und Wildheit des Meeres spürte.

Es fühle mich wirklich privilegiert, dass ich nun mit unterschiedlichen Gruppen in der Natur arbeiten und ähnliche Erfahrungen teilen kann. Es macht etwas mit der Zusammengehörigkeit, der Verbindung zwischen den Menschen, mit der Natur, dem Wasser und den Gefühlen. Gepaart mit Atemübungen können wir uns umso besser, auf unsere persönliche Reise konzentrieren – mit Anmut und innerer Stärke.

Bewegung, Yoga – und vor allem das Meer – haben mich gestärkt und mir einen Zufluchtsort geboten, als ich ihn am meisten brauchte. Als Mädchen lernte ich dadurch ein Gefühl des Einsseins und des Friedens zu finden, das mir immer half meinen Weg zu mir selbst zurückzufinden, wenn ich mich einmal verirrte. Ich empfinde es als Privileg, dass ich nun andere auf deren persönlichen Reise unterstützen kann. 

ÜBER SARAH FYSON

Sarah lebt in Bristol in Großbritannien, ist Hatha-Yoga-Lehrerin, erfahrene Freiwasserschwimmerin und Rettungsschwimmerin. Sie kommt aus dem Bereich der darstellenden Künste. Ihr Yoga-Unterricht ist geprägt von jahrelanger Bewegung geprägt, im Tanz oder im Wasser. Sie freut sich immer, die Freude an der Bewegung und an der freien Natur mit allen zu teilen. Sie arbeitet mit Open Minds Active an deren „social prescribing“ und an Community-Initiativen.
Ihr findet sie unter @sarfyson auf Instagram.

ÜBER OPEN MINDS ACTIVE

Open Minds Active ist eine soziale Organisation mit Sitz in Bristol, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das geistige und körperliche Wohlbefinden aller Menschen mithilfe von Freiwasserschwimmen und Naturerlebnissen zu fördern, indem eine tiefere Verbindung zwischen Mensch und Natur angestrebt wird.
Facebook und Instagram: @openmindsactive